Ludwig Bemelmans
 
             
 
 
 
   


Im Dezember 1914 fährt der sechzehnjährige Ludwig Bemelmans in den Hafen von New York ein, von seiner Familie nach Amerika geschickt, weil er an sämtlichen Schulen gescheitert ist und von verschiedenen Hotels, wo er eine Lehre machen sollte, gefeuert wurde. Der schwererziehbare Junge war von Onkel und Mutter vor die Wahl gestellt worden: entweder die Galeere (eine 'Ausbildung' für die Handelsmarine) oder Amerika. Bemelmans wählt Amerika.

   


Geboren wurde Ludwig Bemelmans am 30. April 1898 in Meran. Sein Vater, ein flämischer Maler, geht bald mit dem französischen Kindermädchen durch, und Ludwig Bemelmans kehrt mit seiner Mutter in deren Heimat zurück, nach Regensburg, ins Emslander-Brauhaus, das von seinem Großvater betrieben wird. Dort, am Arnulfsplatz, verbringt er seine Kindheit:

Großvater liebte die Stadt. Mein Vater liebte sie nicht. Er nannte sie die Kloake der Welt, benutzte aber einen derberen bayerischen Ausdruck, der in Regensburg als Ausdruck rauher Zuneigung unter Freunden gang und gäbe ist.

Bemelmans selbst geht es mit seiner Heimatstadt eher so wie seinem Großvater; vor allem mit zunehmendem zeitlichem Abstand verklärt sich sein Bild von Regensburg. Allerdings kann er die Abneigung seines Vater auch durchaus nachvollziehen:

Er hatte nicht so ganz unrecht, denn es war eine langweilige und klatschsüchtige kleine Provinzstadt. Um neun Uhr abends versank Regensburg in Schlaf, seine Umgebung bot nicht viel Abwechslung oder besondere Schönheit, und ich haßte es vor allem, weil ich in das Gymnasium gehen mußte und alle meine Lehrer zum Essen in das Restaurant von Großvaters Brauerei kamen, so daß er immer davon unterrichtet war, daß ich die Examen nicht bestehen würde, daß ich widerspenstig, frech, nie bei der Sache war, immer zu spät kam und schlechten Umgang hatte.

Aber bereits seine Mutter hat - in den Augen ihres Vaters - schlechten Umgang. Mit Bemelmans' Vater und dessen Schwiegervater stoßen zwei Welten aufeinander: der belgische Dandy und Bohèmien und der 'reelle' bayerische Brauereibesitzer:

Mutter hatte meinen Vater gegen den Willen meines Großvaters geheiratet. Vater war Belgier und Maler und besaß kein Haus; für Großvater waren alle Leute, die kein eigenes Haus besaßen, Lumpen. Ein Lump ist ein mittelloser, fauler, sorgloser Mann, der nicht einmal genug Energie besitzt, um etwas Böses zu tun. Vater hatte auch eine schlanke Figur und legte Wert auf seinen Anzug, und jedesmal, wenn er über den Markt kam, um meine Mutter zu besuchen, die jung und schön war, sagte Großvater: Da kommt schon wieder dieser Fliegenfänger! Er nannte meinen Vater Fliegenfänger, weil er einen so leichten Schritt hatte.

Irgendwie vererbt der Vater seinem Sohn die Kunst des 'Fliegenfangens': Ludwig Bemelmans zeichnet und malt und schreibt. Und 1934 erscheint sein erstes Kinderbuch: 'Hansi'. Doch der Durchbruch gelingt ihm erst mit seinem fünften Buch, mit 'Madeline' 1939, die zu seinem größten Erfolg, zu seinem Markenzeichen wird. Es gibt mehrere Folgegeschichten, die im englischsprachigen Raum bis heute immer wieder aufgelegt werden. Anders in Deutschland: Hier geriet Bemelmans in Vergessenheit.


Die Madeline-Geschichten spielen in einem Mädchen-Pensionat, in dem Zucht und Ordnung herrschen. Wenn da nicht Madeline wäre, die kleine Anarchistin, die beim Sonntagsnachmittagsspaziergang aus der geordneten Zweierreihe ausschert, zum Entsetzen der Aufseherin auf dem Brückengeländer balanciert und natürlich prompt ins Wasser fällt aber von einem Hund wieder herausgezogen wird. Pädagogisch nicht sehr korrekt, wird sie für ihren Ungehorsam und Leichtsinn indes nicht nur nicht bestraft (eine schwere Erkältung wäre ja das mindeste), sondern auch noch belohnt: der Hund darf mit ins Internat und sogar mit ins Bett. Die Mädchen sind glücklich - bis eines Tages die Kontrollkommission im Internat auftaucht... Die Geschichten sind in Paris angesiedelt, mit Eiffelturm und Notre Dame als Kulisse. Doch zwischendurch verwandelt sich der Pont Neuf, eben jene Brücke, auf deren Geländer Madeline herumspaziert, schon mal in die Steinerne Brücke von Regensburg.

Bemelmans hat es zuerst schwer, für seine 'Madeline' einen Verlag zu finden; man erklärt ihm, dieses Mädchen, diese Anti-Struwwelliese, die noch nicht mal vor Raubtieren Respekt hat („Zum Tiger sagt sie keck im Zoo / In aller Ruhe nur Hoho!“), sei „too sophisticated for children“. Die Kinder - und wohl eine nicht unbedeutende erwachsene Fangemeinde - sind anderer Ansicht; der Erfolg läßt die Bedenken schnell vergessen. Einmal bekanntgeworden, avanciert Ludwig Bemelmans zu einem überaus erfolgreichen Maler, Zeichner, Schriftsteller und Journalisten. Er schreibt und zeichnet u.a. für die Magazine 'Vogue' und 'Town and Country', liefert Titelbilder für den 'New Yorker'. Und auch Regensburg interessiert sich einmal für seinen berühmten Sohn und holt eine Bemelmans-Ausstellung, die von Gabriele Henkel zuvor in Düsseldorf gezeigt wurde, in die Stadt. Ludwig Bemelmans ist kurz zuvor, am 1. Oktober 1962, in New York gestorben.

Florian Sendtner

 
       
                             
       
 

Ludwig Bemelmans:
Die blaue Donau
Musik: Die Negerländer
ISBN 978-3-9809651-8-7, 3 CDs, 19,90 €